ZURÜCK IN DIE VERGANGENHEIT

Ein Tag in Wüste Namib – Damaraland

Namibia hat viele seltene Qualitäten. Eine der am wenigsten erschlossenen Gebiete liegt im nordwestlichen Teil des atemberaubenden Landes. Hier finden wir die echten Überlebenskünstler – unter den Menschen und auch unter den Tieren. Die weiten Landschaften des Damaralandes, in dem nur sporadisch Quellen grüne Oasen schaffen und ihr weniges Wasser Wildtieren, Menschen und Vieh zur Verfügung stellen, sind karg und verlassen. Das Damaraland zählt zu den letzten Gebieten im südlichen Afrika, in denen Wildtiere nicht in offiziellen Schutzgebieten leben. Hier begegnet man den legendären Wüstenelefanten, Wüstenlöwen und natürlich auch Giraffen, Antilopen oder Zebras.

In einem Land vor unserer Zeit

Ganz egal, ob man zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs ist, im unwirtlichen Damaraland im Nordwesten Nambias warten einige der unglaublichsten Begegnungen entlang staubiger und ruppiger Pisten auf alle, die abseits der üblichen Routen ein wenig Abenteuer suchen. Fast scheint es, dass hinter dem nächsten schroffen Felsen ein Dinosaurier auf uns wartet. Unsere einzige Sorge gilt der Frage, ob unser Auto unsere Tagestour unbeschadet überstehen wird. Als wir so sinnieren, tut sich eine einmalige Möglichkeit auf.

Mit zwei Südafrikanern unterwegs

Am Abend lernen wir Monty kennen. Monty ist ein echtes Urgestein aus Südafrika. Vielleicht nicht ganz so alt wie Methusalem, viel fehlt aber wahrscheinlich nicht mehr. Laut eigener Aussage schon deutlich über 80, immer noch fit im Kopf, leider aber etwas klapprig in den Gelenken.

Monty hat in Südafrika eine (oder mehrere) Rinderfarmen betrieben. Die hat er er verkauft, als er 80 geworden ist. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, sein Nachbarland zu erkunden, in dem er – laut eigener Aussage – vorher noch nie gewesen ist. Er will sich viel Zeit nehmen, alles ganz auf seine Art und Weise auszukosten.

Deshalb hat Monty auf seiner dreimonatigen Rundreise durch Südafrika und Namibia auch seinen jungen Kumpel als Fahrer mitgenommen. Der Kumpel ist mal gerade vier Jahre jünger und genau wie Monty gut drauf. Die beiden haben die gleichen Pläne wie wir, allerdings einen geländegängigen Jeep und keinen SUV. Es kommt wie es kommen muss: Wir zwei werden eingeladen, die Tour nach Twyfelfontain zusammen mit den zwei rüstigen Rentnern aus Südafrika zu unternehmen.

Trocken, karg und scheinbar leblos – die Namib im Damaraland

Wüste mal anders – die Namib

Bei all der kargen Pracht – landschaftlich kann das Damaraland vielleicht nicht mit anderen Regionen Namibias konkurrieren – es ist eine Landschaft, die hier und da Überbleibsel aus lange vergangener Zeit freigibt. Und wir sprechen hier nicht von der letzten Eiszeit, sondern von Zeiträumen, die wir uns selbst mit sehr viel Fantasie nicht wirklich vorstellen können.

 

Du hast doch sicherlich schon einmal von Gondwana gehört, dem Superkontinent? Vor 500 Millionen Jahren bestand die Erde nur aus zwei Kontinenten, Laurasia auf der Nordhalbkugel, und Gondwana auf der Südhalbkugel, aus dem sich später Afrika, Südamerika und Australien gebildet  haben? Genau dieses Gondwana. Und aus dieser Zeit stammen einige der Überbleibsel, die wir heute genauer betrachten möchten.

 


Versteinerter Wald (Petrified Forest)

Dreihundert Millionen Jahre Erdgeschichte liegen vor uns auf dem trockenen Wüstenboden. Hier und da haben sich skurrile Welwitschia-Pflanzen ein Revier erobert. Der Name Versteinerter Wald mag etwas irreführend sein für das, was wir hier finden. Handelt es sich doch eigentlich nicht um einen Wald, sondern um versteinerte Baumstämme, die hier verstreut in der Gegend herumliegen und urzeitliche Vorfahren unserer Tannen und Fichten sind.

Sie wuchsen damals aber nicht im heutigen Damaraland, sondern wurden am Ende einer der gigantischen Eiszeiten vor 280 Millionen Jahren aus entlegenen Gebieten angeschwemmt. Damals gab es noch den Urkontinent  Gondwana, und genau von dort stammen die Bäume. Es hat wohl eine extreme Flutkatastrophe aus schmelzendem Gletschereis gegeben, die die Stämme vor sich hergeschoben und in die jetzige Position befördert hat.

 

 

 

Letztendlich haben Schlamm und Sand die Stämme luftdicht verschlossen und so einen Zerfall verhindert. Durch den extremen Druck, der auf den Bäumen lastete, wurde über Jahrmillionen jede einzelne Zelle der Bäume mit Kieselsäure durchtränkt und somit konserviert. Wir können die Stämme heute nur sehen, weil Wind und Wasser die Erde über den Stämmen entfernt haben. Sieht man genauer hin, kann man die Jahresringe und sogar noch Rindenstücke auf den versteinerten Bäumen erkennen.

Welwitschia-Wüstenpflanze auf einem versteinerten Baum

 

Direkt neben den versteinerten Stämmen wachsen skurrile Pflanzen, die aussehen, als hätte man graugrüne Ledergürtel lose auf einen Haufen geworfen. Die Rede ist von der Welwitschia mirabilis, die auch lebendes Fossil genannt wird, weil sie sehr alt werden kann. Einige Pflanzen sind schon über 1500 Jahre alt. Diese seltsamen Gewächse gibt es nur hier in der Namibwüste. Die Welwitschia ist übrigens auch auf dem Wappen von Namibia zu sehen (das undefinierte grüne Ding auf gelbem Untergrund). Das Gelb steht für die Wüste Namib, in deren Sand die älteste Pflanze der Welt verwurzelt ist.


Verbrannter Berg (Burnt Mountain)

Mitten aus der Landschaft erhebt sich ein kleiner Berg, der aussieht als hätte an seiner Spitze ein fatales Feuer gewütet, denn sie sieht schwarz und verkohlt aus. Hier gab es allerdings keinen Buschbrand, sondern es handelt sich um einen Vulkan und die schwarze Farbe stammt von einem 80 Millionen Jahre alten, erkalteten Lavastrom.

Schwarze Lava-Asche erweckt den Anschein eines Brandes am Burnt Mountain

 

Orgelpfeifen (Organ Pipes)

Fast direkt am Fuße des verbrannten Berges liegt eine Senke mit einer Ansammlung aufrecht stehender Basaltsäulen. Sie entstanden vor 150 Millionen Jahren, als flüssige Lava in eine Formation aus Schiefergestein eingedrungen ist.

Steinformationen in Orgelpfeifen-Optik

 

Menschenleer und oft verschmäht

Für die Kolonialmächte war das Damaraland nie besonders interessant, schließlich taugte die Region nicht einmal für die Viehzucht. Im Nachhinein entpuppte sich das als wahrer Segen für die Tierwelt, die hier noch weitestgehend in unberührter Natur – und ganz ohne Zäune – leben können. Man mag es nicht glauben, aber das ist in Afrika heutzutage eine Seltenheit. Außer in den Nationalparks ist alles mit kilometerlangen, hohen Zäunen eingefasst. Für wildlebende Tiere kein schöner Zustand. Für die Farmer existenziell. Hier treffen wie überall, wo Menschen leben, verschiedene Bedürfnisse und Interessen aufeinander.

Und manchmal ist hier doch viel los

Für die großen Tierwanderungen wurden im Norden Namibias die Grenzen zu Angola und Sambia und im Osten nach Botswana wieder geöffnet und die Naturschutzgebiete länderübergreifend erweitert, damit nach jahrzehntelanger Gefangenschaft endlich wieder die großen Wildtierwanderungen in die angestammten Gebiete stattfinden können. Seit der Öffnung der Grenzen haben sich in vielen Gebieten die Tierbestände deutlich erholt.

 

 


Felsmalereien am Brandberg (Twyfelfontein)

Etwa 70 km westlich von Khorixas erreichen wir gegen Mittag  die zweifelhafte Quelle: Twyfeltontein. Berühmt ist diese trostlose Gegend aus rotem Gestein vor allem für die Felszeichnungen der San, die auch  heute noch als Buschmänner in dieser Region leben. Motive sind vorwiegend Szenen von Jägern mit Pfeil und Bogen sowie Antilopen, Giraffen, Löwen und anderen Tieren. Um zu den Felszeichnungen zu gelangen, werden wir von einem einheimischen Führer zunächst etwa eine halbe Stunde durch die Berge gelotst.

UND ABENDS GEHT ES NOCHMAL NACH OSTEN

Abends vor dem Sonnenuntergang geht es dann nochmal los. Diesmal nach Osten, Richtung Outjo. Die Fingerklippe zählt zu den berühmtesten Felsformationen in Namibia – und am schönsten soll sie sein, wenn die Abendsonne sie in ein zart orangefarbenes Licht hüllt. Wir müssen uns beeilen, denn in Namibia geht die Sonne sehr schnell unter, und vor allem früh. Bereits gegen 18:00 wird es im namibischen Winter schlagartig Nacht. Die Felsnadel liegt auf Farmgelände, ist aber für einen kleine Gebühr auch für die Öffentlichkeit zugängig.

Vingerklip

Außer uns ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Die Sonne sinkt langsam Richtung Horizont, als wir die Basis zur Vingerklip erklimmen. Es ist kaum zu fassen, dass der Fels dort in dieser aufrechten Position mitten auf einer kegelförmigen Landerhebung stehen bleibt. Und das seit Jahrtausenden. Satte 35 Meter ragt der Fels wie ein ausgestreckter Finger in den Himmel.

Bis vor etwa 30 Jahren gab es am Keetmanshoop eine zweite Felsnadel in Namibia, den Finger Gottes (Mugorob). Diese Felsnadel war aber nur 12 Meter hoch und hatte eine extrem schmale Basis von nur 1,5 m Breite. Von einem Tag auf den anderen war der Mugorob plötzlich verschwunden, ganze 450 Tonnen Sandstein in Staub aufgelöst und vom Winde verweht. Ich hoffe inständig, dass diese Vingerklip heute nicht umkippt, wenn wir davor stehen und sie bewundern.

 

 


Infos

Wir haben unsere Unterkunft in der Nähe von Khorixas bezogen, ein idealer Ausgangspunkt für diese Rundreise. Wer diese Tour machen möchte, sollte sich sehr viel Zeit nehmen, vor allem dann, wenn kein geländegängiges Fahrzeug zur Verfügung steht. Die Straßen sind durchweg ohne Belag. Qualität C und D, wie es in Namibia so schön heißt. Trotzdem ist es möglich, auch mit einem normalen Wagen alle Sehenswürdigkeiten zu erreichen – nur eben etwas langsamer.

Unsere Route im Damaraland

Fazit

Nehmt euch am besten einen ganzen Tag zeit für den Ausflug. Es gibt unglaublich viel zu sehen und die Felsmalereien sind mit einem Fußmarsch verbunden. In Twyfelfontein gibt es einen kleinen Shop, in dem es auch etwas zu trinken und Snacks angeboten wird. Ansonsten solltet ihr euch unbedingt etwas zu essen und zu trinken einpacken sowie das Auto an der Tankstelle in Khorixas noch einmal volltanken. Dieser Teil des Damaralandes ist absolute Wüstenlandschaft und nicht nennenswert bewohnt. Teilweise sind die Straßen (D2620) asphaltiert, der Weg zu den Sehenswürdigkeiten besteht aber nur aus Schotterpiste und ihr kommt nur sehr langsam voran. Deshalb müsst ihr alles mit auf die Reise in die atemberaubende Natur mitnehmen, was ihr braucht.


 

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