Baumwipfelpfad Steigerwald (Landkreis Bamberg)

Über den Wipfeln alter Buchen und Eichen

Naturnah und nachhaltig – so geht beim Naturschutz im Steigerwald zu. Was bereits vor tausend Jahren von Mönchen im Steigerwald zwischen Würzburg und Bamberg begonnen wurde, ist im Laufe von Jahrhunderten durch harte Arbeit und ein Gefühl für die Natur und die Wälder zu einer einzigartigen Naturlandschaft geworden. Das spürt man im Steigerwald in jedem Winkel. Und seit 2016 kann man das jetzt auch aus luftiger Höhe betrachten und genießen: Der Baumwipfelpfad Steigerwald bei Ebrach eröffnet Naturschauspiele einmal aus ganz anderer Perspektive.

Buche oder Eiche?

Wer von uns kennt heute eigentlich noch die Unterschiede? Wer kann noch beim Anblick eines Baumstammes oder Blattes erkennen, um welchen Baum es sich handelt? Das fällt den meisten von uns bereits bei weit verbreiteten, heimischen Baumarten schwer. Hier auf dem Baumwipfelpfad ist es leicht zu erkennen. Buchen haben einen glatten, silbrigen Stamm – zumindest im Alter. Ihre Blätter sind oval, vorne leicht zugespitzt und an den Rändern leicht gezackt. Ihre Wuchsform ist meist sehr geradlinig und aufrecht.

Eichen hingegen haben einen knorrigen Wuchs, ihre Rinde ist rau und hat bei einigen Arten sogar Ausbuchtungen. Das typische Eichenblatt ist länglich und hat mehrere Einbuchtungen, sodass sich leichte Rundungen nach außen ergeben. Im Herbst sind die stattlichen Bäume natürlich einfach ihren Nüssen zu erkennen: die Eicheln mit ihren hübschen Hütchen, mit denen wir so lustige Sachen mit unseren Kindern basteln können.

Beide Arten – Buche und Eiche – sind die häufigsten Baumarten im Steigerwald. Um auch die Hölzer voneinander unterscheiden zu können, sind auf dem Baumwipfelpfad Bögen aus den unterschiedlichen Holzarten gespannt. Auf den ersten Blick sieht alles gleich aus – aber nur für das ungeübte Auge. Wer genauer hinsieht – und vielleicht auch einmal vorsichtig fühlt – findet aber schnell die Unterschiede  heraus.

Nach kurzer Einführung in die Baumkunde können sich schwindelfreie Naturliebhaber in der anschließenden Kletterröhre vergnügen. Dazu könnt ihr durch das Loch in der Holzwand zu einem Ausguck hinaufklettern und den weniger mutigen Zurückgebliebenen zuwinken.

Alles im grünen Bereich

Eine steife Brise weht durch die Wipfel der Eichen und Buchen im Steigerwald. Noch ist sie nicht zu spüren, denn wir befinden uns nicht einmal auf halber Stammhöhe. Der schnörkellose Holzsteg steigt langsam, beinahe unbemerkt Richtung Baumkronen an.

In das leise Rauschen der saftig grünen Blätter im Mai mischen sich aufgeregte Stimmen. Ein Pulk aus kleinen Mädchen und Jungs rennen wild durcheinander plappernd an mir vorbei. Wer kann ihnen die Aufregung verdenken, denn schließlich machen sie heute einen Ausflug in Regionen, die sonst für sie unerreichbar sind. Viele Meter über dem Erdboden fühlen sie sich fast wie die Vögel selbst, die um sie herumschwirren. Da ist es für jeden verständlich, wenn sie vor Begeisterung völlig die Fassung verlieren.

Wir Erwachsenen haben es vielleicht schon verlernt – oder wir trauen uns nicht mehr – unseren Gefühlen so freien Lauf zu lassen wie die Kinder neben mir. Ich lasse mich von ihrer ungestümen Art anstecken – die Freude zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht.

Es geht weiter hinauf

Ganze 26 Meter über dem Waldboden spazieren wir nun in luftiger Höhe. Wir sind schon fast auf Augenhöhe mit den Bäumen, die sich links neben uns erheben. Eine Höhe, die in etwa mit der Kirchturmspitze in Ebrach vergleichbar ist. Der Wind ist hier oben spürbar stärker als am Waldboden. Die Bäume neben uns schwanken um einige Meter nach rechts und links. Ein Phänomen, das mir vom Erdboden aus noch nie in dieser Deutlichkeit aufgefallen ist. Mir wird fast etwas mulmig bei dem Gedanken, welch immensen Kräfte auf diese alten Bäume wirken. Und dabei ist es heute noch nicht einmal besonders stürmisch. Ich fühle mich den Urgewalten der Natur so nah, wie selten zuvor.

Da hinten ist der Turm

… schreit es neben mir. Und schon ist die ganze Truppe von Kindern nicht mehr zu halten. Rechts ragt der besagte Turm sanft aus dem Blätterdach. Ich muss mich beherrschen, nicht auch einen Schritt zuzulegen. Und tatsächlich, direkt hinter dem Rotwildgehege zeigt er sich dann in seiner ganzen Pracht.

Wie ein riesiges Ding aus ferner Zukunft, das plötzlich mitten im Wald gelandet ist, liegt er vor uns. Der Weg schraubt sich über beeindruckende 640 Meter Länge gen Himmel. Die obere Plattform liegt auf sagenhaften 42 Metern Höhe, weit über den Wipfeln der riesigen Buchen und Eichen, deren Kronen von unten unerreichbar weit entfernt scheinen.

Rot- und Rehwildgehege

Ein kurzes Intermezzo an der Infotafel mit Audiofunktion am Hirschgehege. Den Hirschen wächst jetzt im Mai gerade das neue Geweih, noch mit Bast überzogen. Auch das Fell ist noch in der Übergangsphase und sieht etwas struppig aus.

Über den Wolken

Dann geht es empor. Immer im Kreis herum. Vorbei an jungen Paaren, Familien mit Kindern und auch einigen Rentnern. Bis ganz zu den Wolken schaffen wir es dann doch nicht, aber immerhin bis über sämtliche Baumkronen. Während sich die Kinder voller Elan – rennend und schreiend – nach oben bewegen, entdecke ich den einen oder anderen zögerlichen Blick in den Augen der Erwachsenen.

Die Buche in der Ritterrüstung

Fast scheint es wie eine futuristische Ritterrüstung, in der die Buche in der Mitte des Turms wächst. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, ob die Buche wohl jemals höher als der Turm wird. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauert und wie alt sie dann sein müssen. Ich weiß nur, dass Buchen über 40 Meter hoch werden können. Die Chancen stehen also nicht schlecht. Vielleicht wächst sie in den nächsten Jahrzehnten noch und überragt den Turm irgendwann.

Buchen werden nicht ganz so alt wie Eichen. Ihr Durchschnittsalter liegt irgendwo bei 150 Jahren, wobei einzelne Exemplare auch 300 Jahre alt werden können. Eichen hingegen können 1000 Jahre oder älter werden, wachsen dafür aber nicht so schnell wie Buchen. Diese Buche hat noch keinen besonders dicken Stamm. Hoch  gewachsen ist sie aber trotzdem schon.

Überall sind Nistkästen aufgehängt. Einige davon sind mit Live-Kamera ausgestattet. So können wir in aller Ruhe die Meisen mit ihrem Nachwuchs beobachten. Hingebungsvoll kümmern sich die Eltern um eine ganze Truppe von Vogelkindern. Durch die Vielzahl an Insekten im naturnahen Wald ist die Futterbeschaffung sicherlich kein allzu schwieriges Unterfangen. Doch um acht oder zehn Vogelkinder satt zu bekommen, sind die Eltern den ganzen Tag unterwegs.

Totholz ist mehr als tote Bäume

Glücklicherweise sind hier im Naturpark die Zeiten vorbei, in denen jeder Ast  und jeder Stamm aus dem Wald geschleppt wurde. Totholz fördert das Leben im Wald, lautet stattdessen die Devise. Und das nicht zu Unrecht. Denn viele Arten von Tieren im Wald sind auf Totholz angewiesen. Und auch Pilze und andere Kleinstlebewesen nutzen

diesen Lebensraum.  Alle zusammen zerlegen dann das Holz in seine Bausteine. Auf diese Weise werden die Nährstoffe wieder für die Bäume und Pflanzen verfügbar. Die Vielzahl an Insekten im Totholz lockt wiederum Spechte und andere Waldbewohner an, die dann dort ein Auskommen finden.

 

Wer hat denn hier Angst?

Neben mir greift eine Mama die winzige, klebrige Hand ihres kleinen Sohnes und drückt sie fest. Manchmal sind unsere Kinder mutiger als wir und geleiten uns ohne Angst zum Ziel. Auch mir werden auf halber Höhe kurzfristig die Knie weich. Weiter oben geht es wieder, auch wenn der Wind hier so stark ist, dass ich mich fast am Geländer festhalten muss. Der Ausblick ist erhaben – die Fernsicht reicht bis zum Horizont. Der Blick nach unten eröffnet ein phantastisches Panorama. Ein Meer aus grünen Blättern, wild und aufgepeitscht. In der Ferne erkennt man Ebrach.

Wieder auf dem Boden angekommen

Fast ein wenig zu schnell – obwohl schon deutlich über zwei Stunden vergangen sind – hat uns der Boden der Tatsachen wieder zurück. Wie schön, dass wir all die Eindrücke in der angrenzenden Ruhezone mit Spielplatz noch ein wenig sacken lassen können. Gegenüber laden uns Ziegen, Schafe und Hasen noch ein wenig zum Verweilen ein. Hier ist alles auf Wald eingestellt. Deshalb wird das Gehege auch nicht als Streichelzoo, sondern liebevoll „Streichelwald“ genannt.

Harte Fakten

Seit März 2016 gibt es nahe dem oberfränkischen Ort Ebrach (Landkreis Bamberg) den Baumwipfelpfad Steigerwald.

  • Länge: 1150 Meter
  • Pfadhöhe: maximal 26 Meter
  • Turmhöhe: 42 Meter
  • Weglänge auf dem Turm: 640 Meter
  • Steigung: maximal 6%
  • auch für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen geeignet

Und wenn die Oma mit dem Rollator mit soll, ist das auch kein Problem.

Steigerwald-Zentrum

Durch eine Verbindungsweg, der direkt hinter dem Ausgang des Baumwipfelpfades erreichbar ist, könnt ihr auf einem gemütlichen, vierzigminütigem Fußmarsch durch den Wald das Steigerwald-Zentrum besuchen. Wenn ihr den Weg nicht mehr zurück schafft, bring euch der Shuttle-Bus wieder zum Parkplatz am Baumwipfelpfad zurück.

Eine kleine Stärkung

Wir sind heute schon sehr früh aufgestanden und losgefahren. Deshalb gönnen wir uns erst einmal eine Stärkung im Restaurant. Ein fünfminütiger Fußmarsch bringt uns wieder zum Ausgangspunkt und dem Restaurant am Parkplatz zurück. Die Möbel im Restaurant sind aus Eiche. Der Rest des Interieurs, also Wände und Böden, aus Buche. Wir entscheiden uns für einen Platz im Freien. Zu dieser noch frühen Stunde ist lediglich ein weiterer Tisch besetzt.

Baumwipfelpfad Steigerwald

Ein rundum gelungenes Konzept, das Nachahmer sucht. Das Besondere an diesem Wipfelpfad: Er ist der einzige Wipfelpfad in Bayern, der durch Laubwald führt. Und alte Laubwälder gibt es in Bayern nicht besonders häufig!

Infos

Öffnungszeiten

  • April bis 31. Oktober: 9:00 bis 18:00 Uhr
  • November bis 31. März: 10:00 bis 16:00 Uhr
  • aus Sicherheitsgründen sind witterungsbedingte Schließungen möglich

Eintrittspreise

  • Erwachsene: 10 Euro
  • Kinder (6-16): 6,50 Euro
  • Familienticket (Eltern/Großeltern mit eigenen Kindern/Enkeln): 22 Euro
  • Single mit Kindern: 13 Euro (das finde ich besonders toll!)

Anfahrt

Über die A3 zwischen Bamberg und Würzburg. Wenn ihr die Ausfahrt Geiselwind nehmt, ist Ebrach ausgeschildert. In Ebrach müsst ihr an der T-Kreuzung nur noch dem Hinweisschild Baumwipfelpfad Steigerwald nach links folgen. Nach weniger als zwei Kilometern seid ihr am Ziel. Vor dem Baumwipfelpfad sind Kostenlose Parkplätze.

Adresse

  • Radstein 2
  • 96157 Ebrach

Radstein 2, 96157 Ebrach
E-Mail: info-baumwipfelpfad@baysf.de
Homepage: baumwipfelpfadsteigerwald.de

(Mein Navigationssystem kannte die Adresse nicht. Gebt einfach Ebrach ein und folgt an der T-Kreuzung in Ebrach der Beschilderung nach links. Dann kommt ihr auf jeden Fall an.)

Ich wünsche euch einen wundervollen Tag im Baumwipfelpfad!


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