Klein Sibirien in Deutschland – Lieberoser Wüste (Brandenburg)

Auf dem Sukzessionspfad Lieberoser Wüste

Wenn wir von Wüsten sprechen, denken wir an die Sahara, die Wüste Gobi und die Namib. Vielleicht noch an die Kalahari. Aber sicherlich nicht an Deutschland. Und dennoch gibt es sie. Die größte Wüstenlandschaft liegt ganz im Osten Deutschlands, in Brandenburg nahe der Stadt Cottbus. Ein einzigartiges Naturerlebnis. Und auch wenn man in die Kernzone nicht hinein darf, denn das Gebiet steht unter strengem Naturschutz, so gibt uns doch der Sukzessionspark einen interessanten Einblick in die Extreme der Natur hier bei uns vor der Haustüre.

Wie Wüsten entstehen

Es gibt sie auch in Deutschland: Wüsten

In einigen Regionen der Erde gibt es Landschaften, in denen fast oder gar nichts wächst. Solche Gebiete nennen wir Wüste. Sie entstehen nur dort, wo bestimmte Witterungsbedingungen vorherrschen. Fällt in einer Region kaum Niederschlag und ist es dazu auch noch heiß, bilden sich Trockenwüsten wie die Sahara oder die Namib.

In extrem kalten Gebieten ist der Boden über das ganze Jahr gefroren und die Temperatur der Luft so kalt, dass auch hier die Pflanzen keine Chance haben. Diese sogenannten Kältewüsten sind in polaren Regionen und im Hochgebirge anzutreffen.

Die Wüstenzone ist die erste Stufe im Lehrkreis Sukzessionspark Lieberoser Heide

Man-made-desert im Osten Deutschlands

Die Bildung von Wüsten, im Fachjargon Desertifikation genannt, wird aber nicht nur durch Hitze oder Kälte verursacht. Zwar ist Trockenheit einer der Gründe, warum Wüstengebiete entstehen. In der Realität gibt es einen ganz anderen Grund für den Hauptanteil der Desertifikation. Sie wird durch den Menschen verursacht, der seine Umwelt und Natur ohne Rücksicht auf Verluste ausbeutet. Deshalb spricht man von man-made-desert.

In der Lieberoser Heide läuft die Desertifikation in die andere Richtung: aus Wüste wird Wald

Desertifikation ist nicht mit dem Begriff Dürre gleichzusetzen und auch keine einfache Ausbreitung von Wüsten. Wüstenähnliche Verhältnisse können auch in Gebieten entstehen, in denen eigentlich gar keine Wüsten existieren dürften. Im Gegensatz zu einer durch Dürre entstandenen Wüstenlandschaft wie die Namib in Afrika, deren Folgen reversibel sind, ist eine Verwüstung durch Menschenhand nur sehr schwer oder kaum noch rückgängig zu machen.

Eine Desertifikation ist allerdings kein Problem, dass sich lediglich auf Entwicklungsländer beschränkt. In Industrienationen entstehen ebenfalls selbstverschuldete Wüsten. Auch in Deutschland müssen wir beobachten, dass eine rücksichtslose Nutzung geradezu sterile Böden hinterlässt und damit beste Voraussetzungen für eine Verwüstung schafft.

Am Eingang zum Sukzessionspark Lieberose hat sich bereits ein lichter Wald gebildet

Verlust der Vegetation – der Anfang vom Ende

Ist die Pflanzendecke erst einmal flecken- oder flächenhaft zerstört, ist der Schutz gegen Bodenerosion gemindert. Wasser und Feuchtigkeit aus dem Boden verdunstet ungehemmt und sorgt für eine rasche und nachhaltige Austrocknung des Bodens. Und durch diese permanente Verdunstung sinkt im Laufe der Zeit der Grundwasserspiegel. Eine Neubildung des Grundwassers ist unter den heutigen Bedingungen nur in sehr begrenztem Umfang möglich.

Trotz Sommerferien ist es unglaublich ruhig und entspannend im Sukzessionspark

Extreme Landschaften in Deutschland: Lieberoser Wüste

In der brandenburgischen Niederlausitz, nur 20 Kilometer nördlich von Cottbus, liegt die größte Wüste Deutschlands, die Lieberoser Wüste. Bei der etwa fünf Quadratkilometer großen Offenfläche handelt es sich um eine sogenannte Panzerwüste, wie wir sie häufig in Deutschland antreffen.

Ausschlaggebend für ihre Entstehung war zunächst eine Übernutzung des Waldes. Nachdem man im Königreich Preußen den staatseigenen Forst rücksichtslos abholzte, entstand in kurzer Zeit aus dem herrlichen Wald eine karge Heidelandschaft. Ein großer Waldbrand im Jahr 1942 sorgte für das endgültige Aus des Waldes.

Die eigentliche Treppe zur Tribüne auf dem Truppenübungsplatz Lieberose steht noch

Es dauerte nicht lange, da begann die Waffen-SS mit der Errichtung eins Truppenübungsplatzes. Und weil man dafür jede Menge Arbeitskraft benötigte, wurde die Außenstelle Lieberose des KZ Sachsenhausen geschaffen. Der Platz wurde von der SS aber nie wirklich in Betrieb genommen.

Und nach dem Krieg rollten hier die Panzer weiter

Seit damals hat sich der Truppenübungsplatz verändert

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das karge, sandige Areal zunächst als Interierungslager, dann als Truppenübungsplatz der Roten Armee. Übrigens der größte sowjetische Truppenübungsplatz in Ostdeutschland. Schwere Panzer wühlten den Boden auf, verdichteten ihn und walzten alle größeren Pflanzen platt, die sich hier mühsam eine Existenz zu schaffen versuchten.

Mitten hindurch führte schon damals die heutige B168. Jedes Mal, wenn die Sowjetarmee mit Panzern oder Bodentruppen Manöver abhielt, ließ man die Schranken herunter und sperrte die Straße kurzerhand. Nicht besonders lustig für die Anwohner der benachbarten Gemeinden, denn die mussten dann kilometerlange Umwege fahren oder laufen, um in die Arbeit oder wieder nach Hause zu kommen.

Im Naturschutzgebiet gibt es neben Heideflächen und Wüste auch Moore und Seen

Nach der Wiedervereinigung und dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte kehrte endlich Ruhe in die Lieberoser Heide ein. Zurück blieb die größte Wüste in Deutschland. Viele Jahre war das Gelände sich selbst überlassen, bis die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg es im Jahr 2006 erwarb. Heute ist die Lieberoser Wüste Teil des Naturschutzgebietes Lieberoser Endmoräne, benannt nach der im Norden des Naturschutzgebietes liegenden Stadt Lieberose.

Früher konnte man hier fast bis zum Horizont sehen

Lieberoser Endmoräne – die eigentliche Wüste

Das fast rechteckige Wüstengebiet in der Lieberoser Heide ist völlig baumlos. Ringsum um ist die Wüstenlandschaft von Kiefernwäldern umgeben, die vereinzelt auch auf die Offenfläche vordringen. Im südöstlichen Bereich sind größere Dünen anzutreffen, die zum Teil auch wandern. Zu Zeiten, in denen die Panzer rollten, gab es noch ausgeprägte Sandverwehungen und Sandstürme. Die B168, die mitten durch das Naturschutzgebiet führt, regelmäßig von Sand überweht. Heute kommen solche Phänomene jedoch selten vor.

Die alten Steine dienen heute Eidechsen als Heim

Extremes Mikroklima

Die stark zerstörten, nährstoffarmen Sandböden der Lieberoser Wüste erzeugen ein einzigartiges Mikroklima mit erheblichen Schwankungen in den Tag- und Nachttemperaturen. Im Sommer werden auf dem nackten Sandboden Temperaturen von bis zu 60 Grad erreicht, während der Boden wegen der fehlenden Vegetation nachts sehr stark abkühlt. Das wenige Regenwasser, das im Osten Brandenburgs fällt, verdunstet sehr schnell. Keine perfekten Bedingungen für Pflanzen.

Es ist kaum zu glauben, wie schnell wieder ein Wald wächst, wenn man die Natur lässt

Ein Hoch auf die Natur

Inzwischen hat sich das ehemalige Militärgebiet zunehmend zu einer Steppenlandschaft verwandelt, denn die militärische Nutzung hielt die Flächen frei. In ihr konnte sich eine unglaublich große Artenvielfalt entwickeln. Über 100 Brutvogelarten, 400 Schmetterlingsarten und 55 Libellenarten fühlen sich hier heimisch.

Davon ist ein Großteil auf der Roten Liste für gefährdete Tier- und Pflanzenarten zu finden. See- und Fischadler fliegen über die Lieberoser Heide, Fischotter ziehen ihre Jungen im Naturschutzgebiet auf, die Östliche Smaragdeidechse und der Hirschkäfer fühlen sich heimisch.

In einigen Gebieten haben sich ausgedehnte Heideflächen und Birken angesiedelt

Und seit 2009 haben sich auch Wölfe wieder fest in der Lieberoser Heide angesiedelt und 2011 bereits für Nachwuchs gesorgt. Und da sich im gesamten Gebiet Rehwild, Rotwild und Wildschweine aufhalten, hat die Wolfsfamilie wahrscheinlich immer einen reich gedeckten Tisch.

Spannend ist auch die Frage, was die Zukunft so alles bringen wird. Schon jetzt sieht man gelegentlich Elche in der Lieberoser Heide. Und auch andere werden kommen.

Ein Südländer im Osten Deutschlands: die Italienische Schönschrecke

Italienische Schönschrecken lieben die Wärme, leben nur an sehr warmen und trockenen Orten wie Felsen oder sandigen Steppen. In Mitteleuropa ist die Art inzwischen vielerorts verschwunden. In Deutschland kommt sie lediglich noch im äußersten Südwesten und ganz im Osten vor und steht inzwischen auf der Roten Liste der stark gefährdeten Arten. In der Lieberoser Wüste findet die Italienische Schönschrecke ideale Bedingungen vor und es ist nicht schwierig, dem einen oder anderen Exemplar über den Weg zu laufen.

So unscheinbar die Schönschrecke erscheinen mag, sie ist doch etwas ganz besonderes

Der Sukzessionspark Lieberose: Werden und vergehen

Ein Sukzessionspark, was ist das? Das fragen sich wahrscheinlich viele, die davon hören oder lesen. Was mit Sukzession gemeint ist, ist ein wirklich tolles Phänomen, das überall in der Natur auftritt.

Kann sich die Natur frei entfalten, entwickelt sich eine natürliche Dynamik. Nichts bleibt, wie es ist. Alles ist im ständigen Wandel. Im Laufe der Zeit lösen sich verschiedene Pflanzen- und Tiergesellschaften ab, bis die für den Standort typischen Lebensgemeinschaften wieder hergestellt sind. Und genau dieses Phänomen zeigt sich im Sukzessionspark. Auf kleinster Fläche findet man hier die verschiedenen Stadien der Wiederbesiedlung direkt nebeneinander.

Öffnungszeiten

  • täglich und ganzjährig
  • durchgängig 24/7

Eintritt

  • frei
  • Hunde an der Leine erlaubt
  • Wege barrierefrei
Plan Sukzessionspark Lieberose

Dynamik in der Natur

Bis in die 1990er Jahre hat die militärische Nutzung die Lieberoser Heide stark geprägt. Gleichzeitig blieb das Gebiet über Jahrzehnte hinweg frei von jeglicher Besiedlung, Landwirtschaft und Errichtung von Verkehrswegen. Ein riesiges Areal, das nahezu prädestiniert für den Naturschutz war. Und diese Chance hat die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg ergriffen. Hier darf etwas entstehen, das in Deutschland selten ist: ein Wildnisgebiet.

Riesige Betonplatten führen sternförmig in die einzelnen Sukzessionsareale

Und genau deshalb steht die eigentliche Wüstenlandschaft und einige andere Gebiete unter Totalschutz. Das Betreten ist verboten und deshalb gibt es natürlich auch keine Wanderwege in der Lieberoser Wüste. Für alle Interessierten hat die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg (NLB) deshalb eine Art Lehrpfad angelegt, auf dem sich die natürliche Entwicklung der Wüste zu einer bewaldeten Landschaft wunderbar darstellt und im Mai 2015 den Sukzessionspark Lieberoser Heide eröffnet.

Auf einem etwa zwei Kilometer langen Pfad sind zahlreiche Infotafeln aufgestellt, die Einblicke in die Eigenarten der Landschaft und die Lebensräume samt ihren Bewohnern in der Lieberoser Heide gewähren. Vor allem an heißen oder sehr kalten Tagen lässt sich im Sukzessionspark Lieberose gut nachvollziehen, welchen Extremen Pflanzen und Tiere hier ausgesetzt sind.

Hier oben auf dem Generalshügel lässt es sich herrlich die Aussicht genießen

Aussichtspunkt Generalshügel – die ehemalige Tribüne der Macht

Einst beobachteten ranghohe Militärangehörige und Politiker vom Feldherrenhügel aus die Übungen ihrer Truppen. Zu diesem Zweck wurde für den großen Auftritt extra ein sieben Meter hohen Hügel inmitten der sonst völlig flachen Heidelandschaft aufgeschüttet und mit einer „Tribühne“ für die Befehlshaber versehen, um für gute Sicht zu sorgen. Denn im Jahr 1970 fand auf dem Gelände das Manöver Waffenbrüderschaft mit 50.000 Soldaten des Warschauer Paktes statt.

Unter der überdachten Aussichtsplattform liegt ein kleiner, begehbarer Bunker

Denkmalgerecht umgebaut und mit einem barrierefreien Zuweg versehen, dient der ehemalige Beobachtungsbunker heute Naturliebhabern und Geschichtsinteressierten als Aussichtspunkt über die entstehende Wildnis der ehemaligen Schießbahn.

Ehemaliger Hubschrauber-Landeplatz

Eine wirklich gelungene Idee ist die Umgestaltung des ehemaligen Hubschrauber-Landeplatzes auf dem Gelände. Er wurde zu einem Lehrkreis für die einzelnen Stadien der Sukzession umgestaltet, der anschaulich verdeutlicht, wie die einzelnen Schritte der natürliche Sukzession aussehen, um aus einer sandigen Fläche mit spärlichem Silbergrasbewuchs eine Heidelandschaft und schließlich ein Wald wird.

Luftbild vom ehemaligen Hubschrauberlandeplatz und heutigem Lehrkreis

Der Wall

Beidseits eines Weges durch den Sukzessionspark Lieberoser Heide erheben sich Aufschüttungen. Den Zweck dieser Wälle hat man nicht bis ins Detail klären können. Vermutet wird, dass sie womöglich als Schützengräben gedient haben. Die eine Seite des Walls ist aus Sandhügeln zusammengesetzt. Unter den geschützten Bedingungen konnten sich Heide, Pappeln, Kiefern und Traubenkirschen ansiedeln. Die andere Seite des Walls ist mit bis zu vier Meter Höhe deutlich beeindruckender. Hier konnten sich lediglich kleinere Heidebüsche und Kiefern durchsetzen.

Auf der einen Seite türmt sich ein mächtiger Sandwall entlang des Pfades

Essen und trinken

Der Sukzessionspark ist nicht besonders groß und die zwei Kilometer auf dem Pfad könnt ihr locker in ein bis zwei Stunden schaffen. Auf dem Gelände und auch ringsum gibt es keine Möglichkeit, irgendwo etwa zu essen oder zu trinken zu kaufen. Wer hungrig ist, kann nach Lieberose, Turnow oder Peitz fahren, um dort in einer Gaststätte einzukehren. Im Sommer solltet ihr unbedingt etwas zu trinken mitnehmen. Der Generalshügel ist außerdem perfekt für ein kleines Picknick.

Anfahrt: Wie komme ich zum Sukzessionspark Lieberoser Heide

Wenn ihr auf der B168 zwischen Lieberose und Peitz entlang fahrt, könnt ihr den Parkplatz vom Sukzessionspark gar nicht verfehlen.

Kostenlose Parkplätze

Die Parkbuchten sind gut dimensioniert, da ist auch Platz für Wohnmobile

Fazit

Leider kann man nicht in das eigentliche Wüstengebiet hinein. Lediglich bei einer der seltenen Führungen durch die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg ist eine Begehung möglich. Wir hatten das Pech, dass alle diese Führungen wegen Corona ausgefallen sind, hoffen aber, bei unserem nächsten Besuch mehr Glück zu haben. Verlasst bitte auf keinen Fall die ausgewiesenen Wege. Ihr stört damit nicht nur die vielen Pflanzen und Tiere. Zwar ist das Gelände von alter Munition geräumt, trotzdem kann das eine oder andere Teil noch irgendwo im Sand herumliegen.



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