TIERWANDERUNGEN IN AFRIKA

Die großen Wildtierwanderungen

Zu den spektakulärsten Naturphänomenen gehören die großen Wildtierwanderungen (Migrationen), die einst auf der ganzen Welt vorkamen. Tausende oder gar Millionen von Savannen- oder Steppenbewohnern schließen sich zu gigantischen Herden zusammen und ziehen in neue Weidegebiete. Mit der Ausbreitung des Menschen, insbesondere von Stadtgebieten und Zäunen, wurden den Tieren jedoch viele Wege abgeschnitten. Heute gibt es nur noch wenige, wirklich große Tierwanderungen.

In Afrika kennt wohl jeder die Migration von Abertausenden von Gnus in der Serengeti. Bei ihren Wanderungen schließen sich die einzelnen Familienverbände immer größeren Gruppen an, bis die entstehende Herde schließlich schier von Horizont zu Horizont reicht. Auch in Botswana sind die Bewegungen riesiger Herden seit Langem bekannt. Grundsätzlich bewegt sich der Großteil der Tiere saisonal und meist handelt es sich um Zebras, Büffel, Gnus und Elefanten.

Elefantenherde im Norden Namibias an der Wasserstelle

Neue Erkenntnisse über die großen Tierwanderungen

Bis vor Kurzem waren die genauen Details der großen Tierbewegungen nahezu unbekannt. Jetzt langsam beginnen wir langsam, verlässliche Daten zu erheben, um die Tierwanderungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Erst im Jahr 2012 identifizierten Wissenschaftler eine bisher völlig unbekannte Migration in Botswana und dem äußeren Randbereich von Namibia.

Und das Überraschende: Die längste Tierwanderung findet nicht – wie lange Zeit vermutet – zwischen der Serengeti in Tansania und der Masai Mara in Kenia statt. Das hat jetzt ein Forscherteam des WWF und des  Ministeriums für Umwelt und Tourismus aus Namibia herausgefunden. Dabei haben sie Unterstützung von Elephants Without Borders und Botswanas Department of Wildlife & National Parks bekommen. Die Wissenschaftler hatten acht ausgewachsene Zebras ausgewählt und mit Sendern ausgestattet, die all ihre Bewegungen aufzeichneten.

Steppenzebras in Namibia

Die besenderten Zebras legten sage und schreibe 500 Kilometer in einer Herde zurück, die mehrere Tausend Zebras umfasste. Das ist etwa die Strecke (Luftlinie) zwischen Berlin und München. Jährlich wandern die gigantischen Herden zwischen den saftigen Flussauen des Chobe Rivers im Norden Namibias und den Graslandschaften im Nxai-Pan-Nationalpark in Botswana – und natürlich wieder zurück.

Zebrafamilie mit Fohlen

Nichts kann die Herden aufhalten

Diese lange Wanderung ist vor allem deshalb so erstaunlich, weil die Tiere viele Grenzen und Zäune auf dem Weg dorthin passieren. Außerdem muss man den zunehmenden Verlust des Lebensraumes wilder Tiere bedenken sowie auch die Wilderei.

Sieht man die Parks und Naturschutzgebiete als die lebenserhaltenden Organe der Wildtiere auf der Erde an, dann sind die großen Wanderrouten ihre Arterien, die sie nähren. Und die Tierwanderungen sind der Puls, der alles am Leben erhält. Aber dieser Puls wird immer schwächer. Angesichts wachsender Bedrohungen und den Hürden, die sich den Tieren auf ihren Wanderungen in den Weg stellen, ist es fast verwunderlich, dass es diese Wanderungen überhaupt noch gibt.

Die Nxai Pan Zebra Migration

Diese spezielle Wildtierwanderung besteht aus Steppenzebras. Jedes Jahr legen die Tiere rund 1.000 Kilometer zurück. Überraschenderweise gehen sie dabei einen relativ geradlinigen Weg zurück. Und dabei umgehen die Zebraherden offensichtlich sehr gute Alternativen entlang ihres Weges, ohne diesen anzusteuern.

In diesem Teil unseres Planeten beginnen die jährlichen Regenfälle gegen Ende November bis Anfang Dezember. Die Zeit, in der die Zebras in diesem Gebiet losziehen, scheint jedoch mit der Ankunft der Regenfront im Gebiet Nxai Pan in Verbindung zu stehen, das ganze 250 km südlich liegt. Beginnt es in Nxai Pan zu regnen, reisen die Zebras nach Süden.

Die Wanderung der Zebras dauert in der Regel 14 bis 20 Tage. Manche brauchen jedoch fast einen Monat für die Strecke, da sie vorübergehend in der Seloko Plain anhalten, bevor sie weiterreisen. Je nach Route legen die Zebras dann bis zu 400 Kilometer zurück.

Studien zeigen, dass die Zebraherden etwa 80 Tage im Nxai-Pan-Nationalpark bleiben, also von Dezember bis Februar. Ende Februar oder Anfang März  beginnt der Rückweg, allerdings meist nicht ganz auf direktem Wege (wie bei der  Hinreise).

Die Makgradikgadi Zebra Migration

In den letzten Jahren hat Botswana wieder eine kleinere Zebra-Wanderung aufgenommen. Diese Tiere überwinden zu ähnlichen Zeiten eine ähnliche Distanz. Beobachtungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deuten auf eine Zebramigration hin, die etwa vom südöstlichen Okawangodelta bis zum Grasland des Makgadikgadi-Pans-Nationalparks reicht. Die Zebras überwinden auch hier eine Strecke von über 250 Kilometern.

Allerdings stellte Botswana in den fünfziger Jahren eine Reihe an ausgedehnten Veterinärzäunen auf. Veterinärzäune nennt man Zäune, die Nutztiere, die frei von Krankheiten sind, von solchen Tieren trennen, die nicht frei von Krankheiten sind. Diese Veterinärzäune gibt es vor allem in Namibia und Botswana, aber auch in Simbabwe. Sie werden in der Umgangssprache als „rote Linie“ bezeichnet.

Die Errichtung der Veterinärzäune in Botswana allerdings war eine Reaktion des Landes auf die Forderungen der EU, dass das Land eine wirksame Strategie zur Bekämpfung von Ausbrüchen der Maul- und Klauenseuche erstellen müsse. Also wurden Hunderte von Kilometern an Zäunen errichtet, sodass ab 1968 der Weg für die Zebras blockiert war. Die Folge: Kein einziges Zebra konnte wandern.

Afrika ohne Grenzen – für Tiere endlich möglich

Erst 2004 wurden diese Veterinärzäune langsam wieder entfernt. Vielleicht sollte erwähnt werden, dass das Durchschnittsalter eines Zebras in der freien Natur um die 12 Jahre beträgt. Fohlen, die 1968 geboren wurden, lebten also nur bis 1980. 2004 würde sich kein lebendes Zebra an diese Route erinnern.

Doch innerhalb von nur drei Jahren, nach dem der Zaun entfernt wurde, begannen einige der Zebras aus dem Okawango-Delta im Südosten wieder mit ihren Wanderungen. Überraschenderweise wandern jedoch nur rund 55% der Population. Die übrigen 45% verbleiben das ganze Jahr über im Okavango-Delta. Warum einige bleiben und andere migrieren, ist Wissenschaftlern noch immer ein Rätsel.

Flächendeckende Zusammenarbeit im Süden Afrikas

Um diese großen Tierwanderungen ungestört zu ermöglichen, haben Botswana, Namibia, Angola, Sambia und Simbabwe 2011 einen Vertrag unterzeichnet. Dieser länderübergreifende Vertrag ermöglicht es den Tieren in der Kavango-Zambezi Conservation Area, dem größten Naturschutzgebiet unserer Erde, ungehindert die Grenzen passieren zu können. In dem Vertrag verpflichten sich die genannten Länder im Süden Afrikas außerdem zu einem grenzüberschreitenden Wildtiermanagement und zur Zusammenarbeit aller Staaten, damit sich wilde Tiere wie Zebras, Gnus und Elefanten frei bewegen können.

Streifengnu

Im bedeutendsten Naturschutzgebiet Namibias, dem Etosha-Nationalpark, ist der Bestand der Gnus von 30.000 auf 2000 zurückgegangen. Seit der Einzäunung des Etosha-Nationalparks im Jahr 1993 sucht man außerhalb des Parks vergeblich nach Gnus.

Die Strecken, die die Tiere zurücklegen, werden immer kürzer. Und die Herden schrumpfen bedrohlich. Sechs Wildtierarten, darunter Springbock und Säbelantilope, begeben sich heute überhaupt nicht mehr auf Reisen, beschreiben Tierforscher und Ökologen.

Gefährlich wird es außerhalb der Schutzgebiete

Für ihre Migrationen müssen die Herden fast immer ihre angestammte Schutzgebiete verlassen, bewirtschaftete Wälder und Felder durchqueren und Städte umgehen. Ausgenommen sind die Gnus in der Serengeti. Dabei schneiden ihnen Zäune, Straßen und Bauwerke den Weg ab und zwingen die Karawanen dazu, andere Pfade einzuschlagen. Häufig sind dann die zurückgelegten Strecken insgesamt länger oder die Tiere wandern nicht bis in die angestammten Gebiete, sondern machen schon vorher irgendwo Halt, weil sie nicht mehr weiterkommen.

Und wenn es gar nicht weiter geht?

Weil sie ihre eigentlichen Weidegründe nicht mehr erreichen können, finden die Herden nicht mehr genug Futter. Und so verenden viele der Tiere. Zu einem solchen Massensterben kam es in den Achtziger Jahren in Botsuana. An die 80 000 Gnus überlebten die Dürre nicht, nachdem ein Nationalpark abgeriegelt worden war. Sobald die Zahl der Tiere derart schrumpft, ist es für die Herde oft auch nicht mehr nötig, in andere Gebiete zu ziehen. Die Nahrung vor Ort reicht für die wenigen Tiere aus – und die Vagabunden von einst werden sesshaft.

Schutzgebiete alleine reichen nicht

Die zunehmende Heimattreue der Tiere ist nicht nur schön für die Touristen. Es treten jetzt ganz neue Probleme auf: Die Artenvielfalt der Ökosysteme nimmt stark ab, denn beispielsweise wachsen bestimmte Pflanzen seltener oder sterben aus. Die Samen dieser Pflanzen werden normalerweise mit den Tieren über riesige Flächen verteilt und dort auf natürliche Weise ausgesät. Die Ausscheidungen der wandernden Tiere dienen außerdem als Dünger sowie als Nahrung und Brutstätte von Millionen Käfern und anderen Kleinstlebewesen wie dem Mistkäfer. Sobald keine Tierwanderungen durch die Savannen mehr stattfinden, hungern irgendwann auch Pflanzenfresser und in ihrem Gefolge Raubtiere wie Geparden und Löwen.


Für alle, die mehr über Tierwanderungen wissen möchten:

Was Forscher über die Tierwanderungen auf unserem Planeten wissen, könnt ihr auch in der Datenbank movebank.org recherchieren.

Die Forschergruppe von Martin Wikelski am Max-Planck-Institut für Ornithologie informiert über die Ökologie der Tierwanderungen. Hier erfahrt ihr alles über die Projekte, die Besenderung und vieles mehr: Abteilung Wikelski.


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