Urwald-Naturlehrpfad Lösershag (Rhön)

Ein „Urwald“ mitten im Herzen Deutschlands

Das Biosphärenreservat Rhön erstreckt sich über drei Bundesländer: Im Süden Bayern, im Norden Hessen und im Osten reicht es bis nach Thüringen hinein. Und so wie auch die einzelnen Bundesländer sind auch die Landschaft, die Tier- und Pflanzenwelt in der Rhön sehr vielfältig. Wir haben uns hier eine Woche lang umgesehen und einige der schönsten Fleckchen entdeckt, die wir gerne mit euch teilen möchten. Heute haben wir ein echtes Kleinod zur Auswahl: In Wildflecken-Oberbach im Landkreis Bad Kissingen Unterfranken – also der Bayerischen Rhön – liegt ein alter Vulkankegel. Und auf dessen steilen Hängen wandern wir über einen Naturlehrpfad durch den Wald. Allerdings handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Wald, sondern einen jungen Urwald.

Im Laufe der Zeit sind die Basaltsteine verwittert, Moose und Flechten haben sich hier angesiedelt

Lehr- und Naturpfade in der Rhön

Und um dem Besucher die unglaubliche Natur ein Stück näher zu bringen, gibt es jede Menge Natur- und Lehrpfade. Da sind zum Beispiel die Lehrpfade im Roten und im Schwarzen Moor oder auch Themenpfade zu Biber, Wildkatze und Schmetterling. Und eben auch einen, der durch einen echten Urwald führt. Gut, dieser Urwald ist noch nicht besonders alt, aber er stellt eine absolute Besonderheit in einem sonst so durchstrukturierten Land wie Deutschland dar, wo eigentlich so gar nichts dem Zufall oder sich selbst überlassen wird.

Schon auf den ersten Blick fällt auf, das ist kein gewöhnlicher Wald: Überall bietet Totholz Lebensraum

Der Lösershag

Seit Jahrhunderten formt und beeinflusst der Mensch den Wald. Daher sind Wälder, die nicht vom Menschen genutzt und verändert wurden rar. Echte Urwälder gibt es in Deutschland schon lange nicht mehr…

Doch vor 30 Jahren begann die Bayerische Staatsforstverwaltung in den staatseigenen Wäldern Flächen auszuwählen, die noch einen relativ natürlichen Aufbau aufweisen. Diese sogenannten Naturwaldreservate sollen die Urwälder von morgen werden. Zu einem dieser „jungen Urwälder“ gehört der Lösershag im Flora-Fauna-Habitat Bayerische Hohe Rhön (Landkreis Bad Kissingen). Die über 60 Hektar große Waldfläche wurde 1978 als eines der ersten Naturwaldreservate in Bayern ausgewiesen.

Das Gelände liegt auf einem ehemaligen Vulkankegel, auf dessen Boden von einem Blockschuttfeld aus Basalt geprägt ist. Auf dem Humus zwischen den Basaltblöcken wachsen vorwiegend Buchen in einer Waldgesellschaft mit Edellaubbäumen wie Bergahorn, Esche und Sommerlinde. Von besonderer Bedeutung ist das Vorkommen der Bergulme, die in vielen unserer Wälder bereits ausgestorben ist.

Und auf dem Waldboden Bingelkraut und Goldnessel

Eine unglaubliche Vielfalt von Schmetterlingsarten bewohnt den Urwald am Lösershag. Und das raue und feuchte Klima der Rhön sowie die hohen Nährstoffreserven und Verstecke bieten zahlreichen Schneckenarten eine Heimat. Darunter sind nicht nur friedliche Pflanzenfresser wie die Rhön-Quellschnecke, sondern auch eine räuberisch lebende Schneckenart: die Rötliche Daudebardie. Die Rhönquellschnecke kommt übrigens nur hier in der Rhön und am Vogelsberg vor. Sie ist nur etwa zwei Zentimeter groß und mit ihrem grauen, stark gewundenen Schneckenhaus, das ein wenig an Wasserschnecken im Aquarium erinnert, recht unscheinbar. Die Rhönquellschnecke ist stark gefährdet und steht auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten.

Überall wachsen Pilze wie der Zunderpilz auf dem Totholz, die Basaltbrocken sind von Moosen überzogen

Vulkanschlot in der Rhön

Bei dem 765 Meter hohen Gipfel des Lösershag handelt es sich um die Überreste eines ehemaligen Vulkanschlotes. Überall auf den Flanken könnt ihr noch heute große Mengen von Basaltgestein bewundern, das aus den Zeiten aktiven Vulkanismus in der Rhön vor rund 30 Millionen Jahren zeugt. Hier erreichte das flüssige Magma aus dem Inneren der Erde nicht die Oberfläche, sondern kühlte schon im Schlot ab. Dabei entstanden die charakteristischen fünf- bis sechseckigen schwarzen Basaltsäulen.

In den Fugen der Basaltblöcke haben sich inzwischen Sommerlinden angesiedelt

Im Laufe der Zeit verwitterte das umliegende Gestein und wurde durch Regen und Wind abgetragen. Die Basaltsäulen brachen immer wieder ab und rutschte in großen Blöcken den Hang hinunter. Von Natur aus wächst auf den Basaltmeeren kein Wald. Nur wenige spezialisierte Pflanzen sind dazu in der Lage, hier zu gedeihen. Dazu gehören vor allem Moose und Flechten, die die Steine überziehen und ihnen eine grüne oder rosagraue Farbe verleihen. Nach und nach konnten ebenfalls Sommerlinden zwischen den Blöcken wurzeln. Diese Blockschuttwälder sind sehr selten und etwas ganz besonderes.

Wenn ihr eine wunderschöne Ansammlung dicht-an-dicht stehenden Basaltblöcken sehen möchtet, dann besucht unbedingt den Naturpfad Gangolfsberg. Hier findet ihr gleich eine ganze Wand aus Basaltprismen, die unglaublich gut erhalten sind.

Und was heißt hier eigentlich Urwald?

Denken wir an einen Urwald, haben wir womöglich Bilder von undurchdringlichen Tropenwäldern im Kopf, durch den wir uns mit der Machete einen Weg bahnen müssen. Andere denken vielleicht an Tarzan, der sich von Liane zu Liane schwingt. All das hat mit diesem Urwald nicht viel gemein. Ihr braucht keine Machete, um auf dem Naturlehrpfad durch den Lösershag zu wandern und es gibt auch keine exotischen Vögel. Gutes Schuhwerk und lange Hosen sind jedoch Pflicht, da der Weg schon einmal etwas rutschig sein kann und vielerorts ein dichter Pflanzenteppich bis an den Weg heranreicht.

Vielleicht ist der Begriff Urwald einfach falsch gewählt, denn selbst die ältesten deutschen Wälder sind eigentlich keine Urwälder. Zwar werden die Schutzgebiete überwiegend sich selbst überlassen, der Ausgangszustand ist jedoch immer von Menschenhand geschaffen.

Und trotzdem ist der Ansatz eine wirklich grandiose Idee. Hier wird der Natur – wenn auch nur auf einem sehr kleinen Waldareal – die Möglichkeit gegeben, sich selbstständig zu entwickeln. Und schon in sehr kurzer Zeit ist die Natur in der Lage, wieder Lebensraum für Pflanzen und Tierarten zu schaffen, die es sonst fast nirgendwo mehr in unseren Wäldern gibt. Vieles davon spielt sich im Verborgenen ab und wir haben keine Ahnung davon. Und wer kann sich ausmalen, was hier in ein paar Hundert Jahren so alles los ist? Wir hoffen, dass der Lösershag nur den Anfang eines nachhaltigen Umdenkens in unserer Gesellschaft darstellt.

Ein etwas „anderer“ Wald

Betritt man den Lösershag, fällt schon auf den ersten Blick auf, dass es sich hier um keinen gewöhnlichen Wald handelt. Denn am Boden vermodern umgestürzte Baumriesen zwischen den Moos besetzten Basaltblöcken und versperren hier und da den Weg. Daneben stehen noch die Stümpfe alter Linden- und Buchen-Greise, die bis in schwindelnde Höhe mit Zunderschwämmen in der Größe eines Rugbyballes besetzt sind. Am frühen Morgen, wenn sich der Dunst aus dem Boden erhebt, hat man beim Eintreten in den Wald mit den bizarren Baumgruppen fast das Gefühl, einen Geisterwald zu betreten.

Nicht nur die freigelegten Wurzeln, sondern auch die skurrile Wuchsrichtung dieser Buchen sind einmalig

Eine einzigartige Chance

Seit über 50 Jahren wird das Waldgebiet am Lösershag nicht mehr genutzt. Und spätestens seit 30 Jahren darf sich die Natur hier frei entfalten, ohne dass der Mensch entscheidend in die Abläufe eingreift. Als erstes fällt das viele Totholz auf, das überall kreuz und quer herumliegt. Es ist wichtigster Bestandteil für ein intaktes, gut funktionierendes Ökosystem im Wald. Es bietet Lebensraum und Nahrungsquelle für unzählige Pilze und Tierarten, schafft Humus als Grundlage für neue Bäume.

Teilweise ist der Naturlehrpfad bereits von Farnen und Waldmeister überwuchert

Hier im Lösershag habt ihr die einzigartige Chance, zuzusehen, wie sich die Natur ihren Lebensraum zurückerobert – und langsam, aber sicher – wieder ein echter Urwald entsteht. Wenn ihr oder eure Kinder in 10, 20 oder 50 Jahren wieder auf dem Vulkanhang vorbeischaut, wird wohl alles völlig anders aussehen, ist wilder und ursprünglicher geworden. Eine herrliche Aussicht!

Das Naturwaldreservat Lösershag unterliegt strengen Schutzbestimmungen und ist als Kernzone im Biospärenreservat Rhön ausgewiesen. Verlasst also die Wege nicht, pflückt keine Pflanzen – auch wenn sie noch so attraktiv erscheinen – und hinterlasst keinen Müll.

Weit entfernt von den üblichen „Standard-Bäumen“ ist hier fast jedes Gehölz eine Schönheit für sich

Informationszentrum Haus der Schwarzen Berge

Im Informationszentrum in Oberbach findet ihr nicht nur eine interaktive Ausstellung über das Biosphärenreservat Rhön und das Naturschutzgebiet Schwarze Berge, sondern auch die Touristeninformation, eine Cafeteria und einen Laden mit regionalen Waren. Ein kleiner Abstecher dorthin lohnt immer.

Adresse:
Rhönstr. 97
97772 Wildflecken-Oberbach

Öffnungszeiten:

  • Nov. – März: 10.00 – 16.00 Uhr
  • April – Okt.: 10.00 – 17.00 Uhr
  • Montag Ruhetag
  • die Touristeninformation ist auch an Montagen besetzt
  • Eintritt frei

Wandern auf dem Lehrpfad am Lösershag

Buchenwald am Fuße des Vulkans

Auf acht Stationen informieren Schautafeln über den Urwald am Lösershag. Der rund  km Lange Rundweg startet am Wanderparkplatz auf dem Treiweg in Oberbach, einem Ortsteil des unterfränkischen Marktes Wildflecken. Der Weg ist nicht besonders steil, trotzdem enthält er die eine oder andere Steigung, die auf vorwiegend naturbelassenen Waldboden bei feuchtem Wetter etwas rutschig sein kann. Zieht euch deshalb lieber feste Schuhe an. Lange Hosen schützen vor Kratzern auf überwucherten Wegen und Zecken, die womöglich im Unterholz lauern.

Anfahrt

Aussicht vom Wanderparkplatz

Das Naturwaldreservat Lösershag liegt im Nordosten von Oberbach im Landkreis Bad Kissingen in Unterfranken und ist Teil des Biosphärenreservates Rhön. In Oberbach findet ihr das Informationszentrum Haus der Schwarzen Berge. Von dort aus fahrt ihr die Rhönstraße in nördlicher Richtung und biegt die dritte Straße nach rechts (Bergstraße). Beim Autohaus Wiesner geht es nach links in den Treiweg (Achtung: ist auch auf der Karte fälschlicherweise als „Am Lösershag“ bezeichnet). Ihr bleibt auf dem schmalen Weg, bis ihr links an einen kleinen Wanderparkplatz am Zintersbach kommt. Von dort aus geht es hinauf in den Wald. Der Weg zum Naturlehrpfad ist sehr gut ausgeschildert. Verlaufen könnt ihr euch deshalb kaum. Wir haben einen Teil des Rückweges über

Route

Höhenprofil

Details

  • Start/Ziel: Wanderparkplatz am Zintersbach (Treiweg/Oberbach)
  • Markierung: Wanderweg Urwald Lösershag
  • Länge:  5 km
  • Dauer: 2 Stunden
  • geeignet für Kinderwagen/Buggy: nein
  • Aufstieg:  299 m
  • Abstieg:  291m
  • Schwierigkeitsgrad: mäßig (keine schwierigen Anstiege, bei Nässe teils etwas rutschig)
  • DOWNLOAD Karte als pdf: Wanderkarte-Naturlehrpfad-Loesershag

Jetzt neu: PLANDATEN FÜR GPS-GERÄTE

So funktioniert´s: Auf den Link klicken, dann wird euch die Datei angezeigt. Mit der rechten Maustaste irgendwo in den Text klicken. „Speichern unter“ auswählen und an beliebiger Stelle (auf dem Smartphone, PC oder dem mobilen GPS-Gerät) speichern. 

Fazit

Der Lehrpfad am Lösershag empfiehlt sich für alle Naturliebhaber, die gerne einmal einen „unaufgeräumten“ Wald mit besonderer Flora und Fauna bestaunen möchten. Der Urwald befindet sich noch ganz am Anfang seiner Entwicklung – und trotzdem hat er bereits die eine oder andere Besonderheit, die alle in ihrem Bann zieht, die etwas Zeit mitbringen und ganz genau hinschauen.


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